Auf dem Heuberg stoßen die Kapazitäten im Mittel- und Hochspannungsnetz vielerorts an ihre Grenzen. Der Grund ist das starke wirtschaftliche und technische Wachstum der Region: Neue Gewerbeflächen, das geplante interkommunale Gewerbegebiet am Heuberger Kreuz, Rechenzentren, große Batteriespeicher und die Einspeisung erneuerbarer Energien erhöhen den Bedarf. Netze BW hat deshalb ein Maßnahmenpaket für mehr Versorgungssicherheit und weiteres Wachstum vorgestellt.

Die Pläne verbinden kurzfristige Lösungen mit einem langfristigen Ausbau. Zusätzliche Anschlusswünsche sollen teilweise schon heute ermöglicht werden. Zugleich sollen in den kommenden Jahren neue Leitungs- und Umspannwerkskapazitäten entstehen. Dafür will Netze BW vorhandene Kapazitäten besser nutzen und das Netz gezielt verstärken.

Mehr Leistung für Umspannwerke und Leitungen

Besonders stark ausgelastet ist das Umspannwerk Gosheim. Sein Ausbau befindet sich derzeit in der Konzeptionierung und soll Anfang 2031 abgeschlossen sein. Die Umspannwerke in Spaichingen und Tuttlingen sollen bis Ende 2026 erweitert werden. Für das Umspannwerk Fridingen an der Donau ist der Abschluss des Ausbaus bis Ende 2032 vorgesehen.

Zusätzlich sollen die Hochspannungsleitungen zwischen Trossingen und Tuttlingen sowie zwischen Engstlatt und Dotternhausen verstärkt werden. Nach heutigem Planungsstand könnten dadurch rund 50 Megawatt zusätzliche Netzkapazität für die Region entstehen. Das entspricht laut Netze BW ungefähr dem Strombedarf von 25.000 Haushalten.

Auch das interkommunale Gewerbegebiet am Heuberger Kreuz ist in die Überlegungen einbezogen. Das Projekt befindet sich noch in der kommunalen Anfangsplanung. Nach dem derzeitigen Konzept soll die Versorgung bei entsprechendem Bedarf über das Umspannwerk Gosheim erfolgen. Netze BW steht dazu nach eigenen Angaben im Austausch mit den Verantwortlichen.

Übergangslösungen sollen Betriebe früher anschließen

Weil Stromnetze rechtlich nicht auf Vorrat ausgebaut werden dürfen, richtet sich der Ausbau nach dem konkreten Bedarf. Außerdem benötigen neue Leitungen und Anlagen geeignete Standorte, Material, Fachfirmen und Genehmigungen. Für jeden Maststandort ist ein eigenes Genehmigungsverfahren erforderlich. Dass der Bedarf gleichzeitig in vielen Regionen Baden-Württembergs steigt, verlängert die Planungs- und Umsetzungszeiten zusätzlich.

Mehr Spielraum könnten flexible Netzanschlussvereinbarungen schaffen. Dabei können neue Anlagen Strom beziehen oder einspeisen, wenn Bestandskundinnen und -kunden das Netz vorübergehend nicht vollständig auslasten. Netze BW erprobt dieses Modell derzeit in fünf Pilotprojekten. Über ein neues Vergabeverfahren sollen weitere 31 Vereinbarungen angeboten werden. Die Lösung ersetzt den Netzausbau nicht, könnte Unternehmen auf dem Heuberg aber einen Start oder ein schrittweises Wachstum mit Einschränkungen ermöglichen.

Haushalte sind meist nicht betroffen

Für Haushalte und kleinere Gewerbebetriebe im Niederspannungsnetz ändert sich nach Angaben von Netze BW in der Regel nichts. Die aktuellen Engpässe betreffen vor allem das Mittel- und Hochspannungsnetz. Eine typische Photovoltaikanlage auf dem Dach eines Einfamilienhauses könne weiterhin in 95 Prozent der Fälle problemlos angeschlossen werden.

Netze BW sieht die Region dennoch in einer entscheidenden Phase. Zusätzliche Netzkapazitäten sollen wirtschaftliche Entwicklung, Elektrifizierung, Digitalisierung, industrielle Projekte und künftig steigende Energiebedarfe miteinander verbinden. Für den Raum Tuttlingen bedeutet das: Die geplanten Erweiterungen sollen den Weg für neue Anschlüsse und Vorhaben bereiten, während Übergangsmodelle die Wartezeit für einzelne Betriebe verkürzen können.